Don Draper. Das ist der Mann, um den sich in “Mad Men” alles dreht. Gutaussehend, geheimnisvoll, genial. Jedenfalls ein genialer Verkäufer, denn er weiß genau, wie wir ticken und mit welchen Worten er uns dazu bringt, Produkte unbedingt haben zu müssen, von denen wir gestern noch gar nicht wussten, dass es sie gibt. Er ist ein Meister der Verführung, weil er unser Innerstes kennt und unsere Wünsche und Bedürfnisse erahnt. Was in ihm vorgeht erfahren wir dagegen nicht, obwohl wir über sein Leben alles wissen.

Wir kennen seine Frau Betty (January Jones), schön wie Grace Kelly, und die beiden Kinder. Seine Geliebte Midge (Rosemarie DeWitt), eine unkonventionelle Künstlerin, die keine Ansprüche stellt. Und natürlich die Kollegen aus der Werbeagentur Sterling Cooper in der New Yorker Madison Avenue, die uns mit ihren Werbekampagnen weis machen, dass ein paar Drinks zum Mittagessen Pflicht und Zigaretten gesund sind.

Wir befinden uns im Jahr 1960, wo die treusorgende Mutter ihren Kindern mit der Zigarette in der Hand am Frühstückstisch Gesellschaft leistet, die Büros verqualmt sind und beim Meeting der Gin-Tonic dazu gehört. Wo die Frauen ihren Sekretärinnenjobs nachgehen, bis sie unter die Haube kommen, Rassentrennung in den USA noch im Gesetz verankert ist und kein Mensch einen Gedanken an Umweltschutz verschwendet.

Betty und Don leben den American way of life

“Mad Men” lässt den Zeitgeist der frühen Sechziger Jahre wieder auferstehen. Stilsicher in Garderobe und Ausstattung wird detailverliebt eine Atmosphäre kreiert, in der der Glaube an den amerikanischen Traum fest zementiert ist, aber die gesellschaftlichen Spannungen immer tiefgreifender werden.

Dialoglastig und charakterzentriert nimmt sich die Serie viel Zeit für Entwicklung der Figuren und auch Don Drapers (Jon Hamm) Geheimnisse werden nach und nach gelüftet. Irgendwann holt ihn nicht nur seine Vergangenheit ein, sondern auch die Zukunft. Die Wahl von JFK und das Attentat, die Kubakrise, der kalte Krieg, der Tod von Marilyn Monroe, die Bürgerrechtsbewegung, Hippies, Vietnam – die Welt befindet sich im Umbruch. “Mad Men” zeigt die Reaktionen der Charaktere, aber wie bei Hitchcock hat der Zuschauer einen Wissensvorsprung und weiß um die Auswirkungen der Ereignisse.

Auf dem neuesten Stand des Weltgeschehens und der Technik

Die Charaktere wissen es nicht und nicht jeder kann mit den Veränderungen der Werte und dem gesellschaftlichen Wandel umgehen. Männer wie Drapers Boss Roger Sterling (John Slattery), gerade noch tonangebend, arrogant und sexistisch, wirken bald wie Relikte aus einer anderen Zeit. Sekretärin Peggy (Elisabeth Moss) dagegen, der die Herren herablassend erlauben, sich mal an einem Slogan zu versuchen, erarbeitet sich mit ihrem Talent eine Karriere als Werbetexterin und entwickelt sich zur ernsthaften Konkurrenz. Klar ist, dass ihr das zehn oder auch nur fünf Jahre früher nicht möglich gewesen wäre. Für die kurvige Büroleiterin Joan (Christina Hendricks) das Zeichen, auf ihre eigene Karriere zu setzen statt auf einen Ehemann.

Natürlich dreht sich bei “Mad Men” nicht alles um Don Draper, sondern um Frauen, die sich ihren Platz erkämpfen, Schwarze, die sich gegen Benachteiligung auflehnen, Homosexuelle, die Akzeptanz einfordern. Es geht um eine Zeit, in der erstarrte Klischees beginnen zu bröckeln.

“Mad Men” ist ein vielschichtiges Charakterdrama mit komplexen Figuren und großartigen Darstellern, das, einzigartig in Stil und Inszenierung, mit sehr viel Tiefe eine Gesellschaft im Aufbruch und die Unterschiede und Parallelen zur heutigen Zeit zeigt.

Zeiten ändern sich

In Deutschland sendet der Pay-TV-Sender Fox seit dem 24. September 2012 die Erstausstrahlung der fünften Staffel, bei ZDFneo läuft zur Zeit mittwochs die zweite Staffel.

“Das einzige, was an dieser Serie nicht stimmt, ist, dass sie nicht bei uns läuft”, sagte HBOs Vizepräsident Richard Plepler, dessen Sender die Umsetzung des Konzepts der Serie abgelehnt hatte.

Das einer der öffentlich-rechtlichen Sender einen Teil der jährlich sieben Milliarden GEZ-Gebühren dazu verwenden könnte, eine ambitionierte, stylische und unterhaltsame Serie wie “Mad Men” zu verwirklichen, kann leider Gottes noch nicht mal in Betracht gezogen werden. Aber das eine zeitgeschichtliche, anspruchsvolle und mit vielen Preisen ausgezeichnete Serie wie “Mad Men” es nicht ins ZDF-Hauptprogramm schafft, ist unverständlich und wird heftig kritisiert.

Gehässige Zeitgenossen behaupten, die ZDF-Verantwortlichen befürchten, dass die dumpfe Mittelmäßigkeit der eigenen Serien im Vergleich zu “Mad Men” noch deutlicher wird, andere wiederum sehen die Serie als Köder, Zuschauer zu einem überflüssigen und kostspieligen Sender wie ZDFneo zu locken. Vielleicht spielt das unzulässige Schielen nach Einschaltquoten eine Rolle.

Leider – oder zum Glück – erscheinen mittlerweile Qualitätsserien häufig in Deutschland eher auf DVD, als das sie es ins frei empfangbare Fernsehen schaffen. Die ersten vier Staffeln von “Mad Men” sind schon auf DVD erhältlich, die fünfte Staffel erscheint am 30. November 2012.

Edit: Ab dem 1. November 2013 wird die 5. Staffel von “Mad Men” freitags um 23.30 Uhr im ZDF Hauptprogramm ausgestrahlt.

Fotos © AMC Networks

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