“Breaking Bad” ist einer der Belege dafür, dass US-Serien in den letzten 10, 15 Jahren qualitativ mit den Kinoproduktionen gleich gezogen haben oder sogar besser sein können. Hervorragende Inszenierung, perfekte Besetzung, großartige Kameraführung, atemberaubende Dramaturgie – “Breaking Bad” bietet erstklassige Unterhaltung, die handwerklich brillant umgesetzt ist.

breaking_bad_bannerChemielehrer Walter White (Bryan Cranston) aus Alberquerque, New Mexico, erhält einen Tag nach seinem 50. Geburtstag die Diagnose Lungenkrebs in Endstadium. Er beginnt nach einer Möglichkeit zu suchen, seine schwangere Frau Skyler (Anna Gunn) und den behinderten 15jährigen Sohn Walter junior (RJ Mitte) in den letzten ihm verbleibenden Monaten finanziell abzusichern. Als er kurz darauf seinen Schwager Hank (Dean Norris), einen Agenten der DEA, der amerikanischen Drogenfahndung, bei einem Einsatz begleitet, beobachtet Walter seinen ehemaligen Schüler Jesse Pinkman (Aaron Paul) bei der Flucht. Walter sucht Jesse auf und überredet ihn, gemeinsam die Droge Crystal Meth herzustellen und zu verkaufen. Als begabter Chemiker stellt Walter das reinste und bald begehrteste Meth der Gegend her, wegen seiner besonderen Farbe “Blue Meth” genannt. Er und Jesse suchen einen Weg, das Zeug nicht mehr auf der Straße zu verkaufen, sondern weiter oben in der Nahrungskette einzusteigen, dabei gibt sich Walter das Pseudonym “Heisenberg”. Sie bekommen es mit psychopathischen Drogenbossen und rivalisierenden Gangs zu tun, ganz zu schweigen davon, dass ihnen die DEA auf der Spur ist und Walter sein Treiben vor seiner Familie verheimlichen muss.

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Durchschnittsfamilie

Glühende Kreditkarten waren gestern, die Mittelschicht in den USA (und anderswo) kämpft gegen den Absturz. In “Breaking Bad” wird dabei zu verzweifelten Maßnahmen gegriffen, aber die Grenzen zur Kriminalität sind fließend, wie Walter feststellt, als er bei einem Bier darüber sinniert, dass er sich mit dem Konsum von Alkohol zu Zeiten der Prohibition strafbar gemacht hätte. Chrystal Meth ist dagegen erst knapp zwei Jahre zuvor auf der Liste der illegalen Substanzen gelandet und die Herstellung war bis dahin nicht ungesetzlich. Überlegungen wie diese sind nur die ersten Anzeichen dafür, wie sich Walters moralische Grenzen beginnen zu verschieben.

Selten hat es eine so dramatische und überzeugende Charakterentwicklung gegeben wie die von Walter White. Als er nichts mehr zu verlieren hat, verändert er sich vom braven, ewig in beige gekleideten Chemielehrer, der die alltäglichen Demütigungen widerstandslos hinnimmt, zum kaltblütigen, größenwahnsinnigen Drogenboss, der unliebsame Konkurrenten gnadenlos aus dem Weg räumt, zunächst aus Notwehr, später aus reiner Macht- und Geldgier. Und aus Rache an einer Gesellschaft, die die Bemühungen des anständigen, zurückhaltenden Walt nie honoriert hat. Gewisse Charaktereigenschaften wie mangelnde Standhaftigkeit legt er trotzdem nicht ab.

Von seiner Umwelt ständig unterschätzt zu werden hilft ihm bei seiner Drogenkarriere, deutlich gemacht in der Szene, in der der harte Drogencop Hank beim Grillabend vor der Familie mit seiner gefährlichen Arbeit prahlt, nicht ahnend, dass mit seinem biederen Schwager der berühmt-berüchtigte “Heisenberg” direkt am Tisch sitzt. Aber Walter findet Gefallen an der zunehmenden Macht und das wirkt sich auf seine Persönlichkeit aus. Ehefrau Skyler, die zu Beginn eindeutig die Hosen in der Ehe anhat, flößt die Wesensveränderung ihres Mannes Furcht ein, auch wenn sie angesichts des materiellen Wohlstands schnell die moralischen Bedenken über Bord wirft.

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Pinkman und Heisenberg

Überhaupt sind die Charaktere in “Breaking Bad” weder schwarz noch weiß, sondern bewegen sich in Grautönen. Allen voran Jesse, ehemals Schulabbrecher und Kleindealer, der wesentlich mehr mit den vielen ethisch fragwürdigen Entscheidungen zu kämpfen hat als Walter und mit seiner Loyalität die größte Charakterstärke zeigt, die gleichzeitig auch Schwäche ist, weil sie ihn am Ausstieg hindert. Oder der schmierige Anwalt Saul Goodman (Bob Odenkirk) der seinen Klienten, vor kurzem noch ehrbare Mittelstandsbürger, immer häufiger ins Gewissen reden muss.

Für den Zuschauer ist es keine einfache Entscheidung, auf welcher Seite er stehen soll. Die Helden entwickeln sich zu Bösewichtern und wieder zurück, während die Bösen in “Breaking Bad” zu Sympathieträgern werden oder schon immer waren.

Die Charaktere sind bis in die Nebenrollen mit hervorragenden Schauspielern besetzt, die alle die vielen Facetten ihrer Figuren zum Vorschein bringen. Bryan Cranston, der chaotische Vater Hal aus “Malcolm mittendrin” ist für die Darstellung des ambivalenten Walter White schon so oft gelobt und ausgezeichnet worden, dass man auch mal die Leistungen der anderen Schauspieler hervorheben kann, etwa die von Aaron Paul als Jesse oder Dean Norris als Hank Schrader. Der ist nicht nur als DEA-Agent dem Blue Meth und Heisenberg auf der Spur, sondern auch extrem unsympathisch, wenn er auf seinem farblosen Schwager rumhackt, erweist sich aber als mitfühlender Freund und verständnisvoller Ehemann.

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Walter und Hank

Durch die Dramaturgie und die Kameraführung wird der Zuschauer wie die Serienfiguren in einen Strudel gezogen, in dem sich langsame, harmlose Szenen zu hektischen, spannenden Situationen entwickeln und sich düstere, bedrohliche Situationen unerwartet in schwarzem Humor auflösen.

In “Breaking Bad” hat alles Konsequenzen, auf jede Aktion folgt eine Reaktion, die Folgen sind unausweichlich. Die Wendungen sind zwingend und erstaunlich und (fast) immer nachvollziehbar. Mit Emotionalität und Tiefgang ist in jeder Folge das Menschliche deutlich spürbar und dabei erzählt die Serie eine abwechslungsreiche und vielseitige, oft bizarre Geschichte.

Arte zeigt ab dem 2. November 2012 Freitags um 22:30 Uhr die vierte Staffel von “Breaking Bad”, die ersten vier Staffeln sind aber schon auf DVD und Blue-ray erhältlich.

 

Fotos © AMC

  • batcat67:

    In der Tat zählt BREAKING BAD mit zu dem Besten,was je fürs TV produziert worden ist,meiner Meinung nach….