Der Legende nach hat Johnny Depp das unveröffentlichte Manuskript von “The Rum Diary” beim Herumstöbern in Hunter S. Thompsons Hütte in Colorado gefunden und seine Beziehungen spielen lassen, damit der Roman veröffentlicht wurde. Schauspieler und Schriftsteller waren seit den Dreharbeiten der Verfilmung von Thompsons Schlüsselroman “Fear and Loathing in Las Vegas” befreundet und Johnny Depp machte auch seinen Einfluss geltend, um “The Rum Diary” zu verfilmen, vor allem nach dem Selbstmord von Hunter S. Thompson im Jahre 2005.

The Rum Diary

Thompson hat den autobiografisch gefärbten Roman mit 22 Jahren geschrieben, den Alkohol und Drogen war er zwar schon zugeneigt, aber als Schriftsteller noch weit entfernt von jenem Pop-Literaten der Hippie-Ära, der sich einen Ruf als Kultautor erwerben würde. “The Rum Diary” erzählt, wie er sein bestimmendes Thema fand, die “Stimme aus  Wut und Tinte”, mit der er über die Verlogenheit des amerikanischen Traums und “den großen weißen Mann – wahrscheinlich das gefährlichste Raubtier auf Erden” schrieb und dabei den revolutionär-subjektiven Gonzo-Journalismus begründete.

Paul Kemp (Johnny Depp) ist das Alter Ego von Hunter S. Thompson, der 1960 nach Puerto Rico kommt, um bei der einzigen englischsprachigen Zeitung “San Juan Star” als Reporter anzuheuern. Schnell stellt er fest, dass in der Redaktion Rum zu den Hauptnahrungsbestandteilen gehört, freundet sich mit dem Fotografen Sali (Michael Rispoli) an und zieht in dessen Wohnung ein, in der Sali auch Hähne für Hahnenkämpfe züchtet. Gelegentlicher Besuch ist der Ex-Kollege Moberg (Giovanni Ribisi), der seinen Alkoholkonsum selbst für den hohen Toleranzpegel der “San Juan Star” übertrieben hat, seinen eigenen Schnaps brennt und zur Entspannung gerne Platten mit den Reden von Adolf auflegt, die er in voller Lautstärke durchs Haus schallen lässt.

Johnny Depp, Giovanni Ribisi und Michael Rispoli in "The Rum Diary"

Kemp, Sali und Moberg

Zunächst mit dem Schreiben von Horoskopen und für Interviews mit Touristen beauftragt,  kann Kemp der Kontrast zwischen dem Reichtum der adipösen amerikanischen Touristen, die während ihres Urlaubs die Hotelanlagen nicht verlassen, und der Armut der puertoricanischen Bevölkerung kaum übersehen. Er verfasst einen Artikel über die Zustände, der von Lotterman (Richard Jenkins), dem desillusionierten Chefredakteur mit dem schlechten Toupet und noch schlechterer Laune, abgelehnt wird, weil niemand darüber lesen will.

Puerto Rico, 1898 von den USA besetzt, gehört seitdem zum amerikanischen Staatsgebiet, ohne die Rechte eines eigenständigen Bundesstaates zu besitzen. Faktisch ist die Karibikinsel eine Kolonie und US-Unternehmen und -Unternehmer fallen ein, um auf Kosten der Puerto Ricaner reich oder noch reicher zu werden. Einer davon ist der Immobilienhai Hal Sanderson (Aaron Eckhart), der sich die schönsten Ecken der Insel sichert und den Einwohnern verbietet, auch nur in die Nähe seines Privatstrandes zu kommen.

Sanderson möchte Kemp dazu gewinnen, für seine Projekte in der Zeitung positive Öffentlichkeitsarbeit zu leisten und bietet dafür Geld und schnelle Autos. Den größten Reiz für Kemp stellt aber Sandersons schöne Freundin Chenault (Amber Heard) dar. Letzten Endes aber muss sich Kemp entscheiden, ob er dem Ruf den Geldes oder seines Gewissens folgt.

 

Kemp, Sanderson und Chenault

Sanderson zeigt Kemp, was er zu bieten hat

In “The Rum Diary” verarbeitet Hunter S. Thompson seine Erfahrungen, die er mit Anfang Zwanzig gemacht hat, im Buch ist Paul Kemp Anfang Dreißig, aber für Johnny Depp kommt eine Rolle in einem “Coming of Age”- Film etliche Jahre zu spät. Natürlich kann die Rolle als Mann mittleren Alters angelegt sein, der zu sich selbst findet und sein Leben neu ausrichtet, aber dafür ist der Paul Kemp im Film zu naiv. Kemp fungiert als Beobachter, träge und fast apathisch (von ein bißchen Jack Sparrow-Mimik abgesehen), und ist der uninteressanteste Charakter zwischen den schrägen Figuren. Selbst die Gewissensentscheidung zwischen Reichtum und journalistischem Ethos wird ihm letztlich abgenommen. Schwer zu glauben, das ausgerechnet aus ihm mal ein literarisches As wird, dennoch wird der Film aus dieser Perspektive heraus erzählt.

So ganz wird nicht klar, ob Regisseur und Drehbuchautor Bruce Robinson “The Rum Diary” als Verfilmung des Romans oder als Charakterstudie und Hommage an dessen Autor verstanden wissen will, also quasi als Vorgeschichte zu “Fear and Loathing in Las Vegas”, wie Thompson zu dem kapitalismuskritischen, kämpferischen Autor geworden ist, dessen drogengeschwängerter Trip nach Las Vegas von Terry Gilliam wie ein psychedelischer Rausch mit fulminanten Bildern umgesetzt wurde.

“The Rum Diary” ist konventionell inszeniert, so wie auch Thompsons Schreibstil zu dieser Zeit noch konventionell gewesen ist. Das Kompromisslose fehlt “The Rum Diary”, auch wenn der Film schön anzusehen ist. Durch die Verwendung von 16mm-Filmmaterial wird ein farbenprächtiger Retrolook erzeugt, der die Schönheit der Insel und die Atmosphäre der frühen 60er Jahre beeindruckend abbildet.

Im Buch ist der Spannungsbogen der Kampf um das Überleben der Zeitung und das Greifen der Reporter nach jedem Strohhalm, der ihre Arbeitsplätze retten könnte. Im Film ist dieser Erzählstrang kaum existent. Es fehlt ein nachvollziehbarer Spannungsbogen und mangels dramaturgischer Höhepunkte plätschert der Film vor sich hin.

Dem Herzensprojekt fehlt leider das Herzblut, schöne Bilder, ein paar amüsante skurrile Szenen und etwas plumpe Gesellschaftskritik machen den zweistündigen (!)  Film wohl nur für ganz hartgesottene Thompson-Fans zu einem Erlebnis.

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