“Inception” bedeutet im Kontext dieses Films die Einpflanzung einer Idee in ein fremdes Gehirn mit dem Ziel, dass derjenige diesen Gedanken für seinen eigenen hält. Normalerweise funktioniert der Job von Dom Cobb (Leonardo DiCaprio) genau umgekehrt: Er ist Spezialist dafür, anderen ihre Ideen aus dem Kopf zu stehlen, indem er in die Träume anderer Menschen eindringt.

InceptionPotenzielle Opfer haben sich aber mittlerweile Abwehrmechanismen beibringen lassen und so werden Cobb und sein Team bei einem Auftrag von dem reichen Geschäftsmann Saito (Ken Watanabe) erwischt. Saito verlangt von Cobb, dem Konkurrenten Robert Fischer jr. (Cillian Murphy) die Idee einzupflanzen, sein Unternehmen in viele Einzelteile zu zerschlagen. Als Belohnung soll Cobb zurück zu seinen Kindern in die USA können. Dort wird er per Haftbefehl landesweit gesucht, weil er für den Tod seiner Frau Mal (Marion Cotillard) verantwortlich gemacht wird. Bei ihr hat Cobb eine “Inception” versucht, mit fatalen Folgen, die Cobbs Psyche so stark belasten, dass er in seinen Träumen von verdrängten Erinnerungen heimgesucht wird. Eine Bedrohung für seine Arbeit, weil man nur in die Träume anderer eindringen kann, wenn man selber träumt.

Cobb hat bei dem missglückten Auftrag seinen “Architekten” verloren, den Mann, der für den Entwurf der Traumwelten zuständig gewesen ist. Bei seiner Suche nach einem Nachfolger trifft er auf die Architekturstudentin Ariadne (Ellen Page) und erklärt ihr die schier unendlichen Möglichkeiten ihres neuen Jobs. Gleichzeitig unterweist er sie in die zahlreichen Regeln, die zu beachten sind.

InceptionParis

Paris stellt sich auf den Kopf

Dann stellt Cobb sein Team zusammen, bestehend aus Ariadne, Arthur (Joseph Gordon-Levitt), Eames (Tom Hardy) und Yusuf (Dileep Rao). Gemeinsam beginnen sie wie in einem klassischen Heist-Movie, einen Plan zu entwerfen, in das Gehirn von Fischer zu gelangen und ihm die Idee einzupflanzen. Nicht umsonst werden innerste Geheimnisse in “Inception” gern in einem Safe aufbewahrt.

Bei der Umsetzung des Planes geht jedoch einiges schief, Fischers Unterbewusstsein ist gegen Eindringlinge gewappnet und so muss das Team in weitere Traumebenen hinabsteigen, auch auf die Gefahr hin, nicht mehr aufzuwachen. Dabei müssen sie sich mit vielen Schießereien, Verfolgungsjagden und Kampfgetümmel gegen ihre Verfolger zur Wehr setzen.

Regisseur Christopher Nolan schrieb zehn Jahre an einem Drehbuch über die Möglichkeit, Träume zu stehlen. Vielleicht war es keine gute Idee, das Konzept ausgerechnet in einen 160 Millionen Dollar teuren Blockbuster zu verpflanzen. Die Reise in ineinander verschachtelte Träume birgt unendliches Potenzial für fantastische Geschichten. In “Inception” birgt sie hauptsächlich Potenzial für Schießereien. Es ist enttäuschend, dass nach der langen Einführung in die komplexen Spielregeln nicht viel mehr als Verfolgungsjagden, Explosionen und Autocrashs à la Bond und Bourne serviert werden. Weniger Ballereien, mehr erzählerische Elemente hätten dem Film emotional mehr Tiefe geben können.

Im Traum gibt es keine Schwerkraft

Die Traumwelten in “Inception” sind weniger abstrakt und absurd als kühl und funktional. Selbst wenn sie visuell spektakulär sind, sie sind viel zu stark an Regeln und Strukturen gebunden, um wirklich als Träume zu funktionieren.

Was mit einem interessanten Science-Fiction-Plot beginnt, verflacht leider zusehends zu einem reinen Actionfilm. Immer wieder spielt sich dieselbe Kampfszene in unterschiedlicher Umgebung ab – in einem Traum, dann in einem Traum, der in einem Traum stattfindet, der in einem Traum stattfindet, der dann wiederum in einem Traum stattfindet…

Das eine der Traumebenen im Schnee spielt und die Protagonisten in Skianzügen und -masken nur schwer zu unterscheiden sind, macht die Sache nicht besser. Während der Actionsequenzen kommt die Story kaum voran, der Film bremst sich im Tempo aus, die Spannung bleibt dabei auf der Strecke.

Dazu kommt, das zu den Akteuren kaum emotionale Bindung besteht, sie bleiben steril. Über die Angehörigen des Teams und Auftraggeber Saito erfährt man nichts, sie sind emotionslos und blass wie unbeschriebene Blätter Papier. Und das, obwohl jede Rolle in “Inception” mit hervorragenden Schauspielern besetzt ist. Die Dialoge dienen in erster Linie dazu, die Regeln zu erklären. Ausgerechnet das Opfer wird mit etwas Hintergrundinformation ausgestattet. Das Wissen um Robert Fischers schwierige Beziehung zu seinem verstorbenen Vater macht ihn zur sympathischsten Figur und das trägt nicht unbedingt dazu bei, dem Team beim Gelingen seines Coups die Daumen zu drücken.

InceptionFischer

Cobb hat sein Opfer im Visier

Auch Cobbs Charakterisierung bleibt trotz seiner Hintergrundgeschichte oberflächlich. Schuld, Reue, Vergebung – im Endeffekt geht es doch wieder um die Läuterung des Protagonisten. Das Thema Flucht vor der Realität und die Gefahr, sich in Träumen zu verlieren, spricht der Film nur am Rande an. Und obwohl die “Inception”, die Cobb durchgeführt hat, seine Frau in den Wahnsinn getrieben hat und Ursache für seine Schuldgefühle sind, die ethischen Fragen, die der Diebstahl bzw. die Manipulation von Gedanken aufwirft, werden nie zur Diskussion gestellt.

Die zunächst unkonventionelle Geschichte dient nur als Vehikel für einen konventionellen Blockbuster. Viel Action, verpackt in schöne Bildästhetik. Nicht mehr und nicht weniger.

Fotos © Warner Bros.

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