Fernsehserien, natürlich auch die US-Fernsehserien, sind fiktional, klar. Aber manche Dinge sind so realitätsfern und werden doch immer wieder als so völlig normal dargestellt, dass die Diskrepanz zwischen Fernsehkosmos und Realität kaum noch auffällt.

In der Pro7-Serie “New Girl” leben vier Personen in einem Loft mit riesigem Wohnraum, offener Küche, vier Schlafzimmern und Dachterrasse. Nicht zu vergessen das Bad im Industriedesign mit drei abschließbaren Toiletten sowie Garderobenschließfächern. Der Umgebung nach befindet sich das Loft in Silver Lake, Los Angeles und würde grob geschätzt um die 5000,-$ Monatsmiete kosten. Kalt natürlich. Also müssten die Bewohner, von denen einer in einem Büro arbeitet, eine ist seit kurzem Lehrerin, einer ist Barkeeper, und einer war Basketballspieler in Litauen und ist seit seiner Rückkehr auf Jobbsuche, jeweils knapp 1000,-€ im Monat nur für die Miete aufbringen.

New Girl Wohnung

© 20th Century Fox

In der Fernsehserie “Verrückt nach Dir” aus den Neunziger Jahren spielten Paul Reiser und Helen Hunt Paul und Jamie, er Dokumentarfilmer, sie PR-Frau, die in einer schicken großen Wohnung in New York lebten. Das Gebäude in der Außenaufnahme war ein Appartmentblock an der 5th Avenue/12th Street in Greenwich Village. Nicht gerade erschwinglich für ein frisch verheiratetes Ehepaar mit unsicheren Jobs. Paul Reiser gab dann auch zu, dass das ziemlich unrealistisch sei, lieferte dann aber die einleuchtende Erklärung, dass Paul und Jamie ein echtes Schnäppchen gemacht haben, weil in der Wohnung die vierte Wand fehlte.

Womöglich sind die Gehälter in den USA viel höher. Wie sonst kann sich Charlie in der Fernsehserie “Two and a half Men” mit dem gelegentlichen Schreiben von Werbe-Jingles seine Villa am Strand von Malibu plus diversen Betäubungsmitteln und asiatischen Nutten leisten? Andererseits nagt Alan als Chiropraktiker mit eigener Praxis ständig am Hungertuch.

Neben den exorbitanten Mieten können sich die Menschen in den Fernsehserien auch mit Prekariatslöhnen grundsätzlich Designerklamotten leisten. Bei der Ausübung ihres Berufes sind sie aber nicht an Kleidungsvorschriften gebunden. Oder hat schon mal jemand einen der CSI-Leute mit Haarnetz gesehen? Sogar im Labor sind knappe Tank Tops, offene Schuhe und wallendes Haar die Regel. Und natürlich arbeiten sie in luxuriösen, ultramodernen Labors, die die komplette Etage einnehmen und in denen die paar Büros nur durch Glaswände abgeteilt sind.

Zumindest wird hier gearbeitet. Das ist nicht bei allen Berufen zwingend der Fall. Wenn man, wie z.B. bei den “Gilmore Girls”, in einem Hotel arbeitet, werden die vielen Gespräche und Unterhaltungen – die zugegebenermaßen aus sehr schnellen und spritzigen Dialogen bestehen – nur selten durch berufsbezogene Tätigkeiten unterbrochen. Zum Glück ist die Stelle im Hotel wenigstens so lukrativ, das sich die alleinerziehende Mutter mit ihrer Tochter ein hübsches Haus leisten kann. Nur für die Privatschule reicht es dann doch nicht.

 

Gilmore Girls Kulisse

Nicht schlecht für eine Alleinerziehende

Foto © Tony PetersDer Normalo wundert sich, warum seine Wohnung so gerade eben mit der von Penny aus der “Big Bang Theory” mithalten kann, die ihren Lebensunterhalt als Kellnerin und gescheiterte Schauspielerin verdient. Wobei die beiden Wissenschaftler nebenan finanziell trotz ihrer festen Jobs anscheinend nicht so viel besser gestellt sind.

Vielleicht ist die Realität in Fernsehserien mit der Lebensrealität ebenso vergleichbar wie die perfekt geschminkten, ausgeleuchteten und gephotoshoppten Models mit den Mädels, die meinen, man könnte wirklich so aussehen (und auch Jungs, schließlich lassen sich auch Muckis aufmalen und von gepolsterten Unterhosen wollen wir jetzt gar nicht erst anfangen). Im Fernsehen konnte man schon oft die spracken Oberschenkel von Beyoncé bewundern, bei denen sich auf dem Plattencover dann auf wundersame Weise ein Minus an Umfang in ein Plus an Länge verwandelt hat.

Oder vielleicht hausen die Helden der Fernsehserien inzwischen alle in heruntergekommenen Wohnklos und stottern ihre Raten ab, nachdem ihnen im Zuge der letzten Finanzkrise die Kreditkarten gesperrt wurden. Aber so sicher wie das Amen in der Kirche wird bald die nächste Fernsehserie kommen, die sich um einen Haufen Loser dreht, die seltsamerweise in riesigen supercoolen Lofts im hippsten Teil der Stadt ihr Dasein fristen.

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