Angesichts der alljährlichen Gedächtnisfeier einer Auferstehung ist es an der Zeit, sich mit einem mythischen Geschöpf zu befassen, zu dessen wesentlichen Merkmalen es gehört, von den Toten auferstanden zu sein. Vampire spielen seit Menschengedenken eine wichtige Rolle in Aberglauben und Folklore und Geschichten über Kreaturen, die Menschen das Leben aussaugen, um selbst unsterblich zu sein, sind durchgehend Thema in Literatur und Film.

Vampire Vampirsarg

Literarische Größen wie Goethe, Lord Byron und Guy de Maupassant haben die Blutsauger in Gedichten und Kurzgeschichten verewigt, Romane wurden über sie geschrieben, einer der bekanntesten ist sicher Bram Stokers “Dracula”. Der lieferte auch die Vorlage für den genrebildenden Stummfilm-Klassiker “Nosferatu“, später erneut verfilmt von Werner Herzog mit Klaus Kinski in der Hauptrolle.

Da hatte schon längst der “Gentleman-Vampir” Einzug gehalten, der mit unwiderstehlicher Anziehungskraft verführt, statt in furchterregender Weise Schrecken zu verbreiten. Perfekt verkörpert von Bela Lugosi und später Christopher Lee in den Produktionen der legendären Hammer-Studios, bekam der Vampir die Gestalt eines eleganten, weltgewandten Charmeurs. 1969 wurde in Roman Polanskis Komödie “Tanz der Vampire” der Vampirkult kräftig auf die Schippe genommen.

Dann gerieten die übernatürlichen Blutsauger vorübergehend etwas aus der Mode, waren aber deswegen noch lange nicht weg vom Fenster. Es erschien Stephen Kings Thriller “Brennen muss Salem”, der später ebenfalls verfilmt wurde und stark an Bram Stokers “Dracula” angelehnt war. In diesem Jahrzehnt startete auch Anne Rice ihre “Chronik der Vampire”, aus der in den Neunzigern die Bücher “Interview mit einem Vampir” und “Die Königin der Verdammten” verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Vampirfilmen der Achtziger Jahre gehören “Begierde” mit Catherine Deneuve und David Bowie, “The Lost Boys” mit Kiefer Sutherland, und “Fright Night”, eine Horrorkomödie, die 2011 neu aufgelegt wurde.

In den Neunzigern waren Vampire wieder total hip, neben den erwähnten Anne Rice – Adaptionen verfilmte Francis Ford Coppola Bram Stokers “Dracula”, mit “John Carpenter’s Vampire” nahm sich ein weiterer namhafter Regisseur des Themas an, die “Blade”-Reihe startete und in “From Dusk Till Dawn” bekamen es Clooney und Tarantino im “Titty Twister” mit Blutsaugern der übelsten Sorte zu tun. Im Fernsehen machte “Buffy” den Vampiren so erfolgreich die Hölle heiß, dass die Serie mit “Angels” einen Ableger bekam.

Buffy_Vampire

Richtig stark

Der Jahrtausendwechsel tat der Popularität der Vampire keinen Abbruch, wie die “Underworld”- Reihe bewies und natürlich die Twilight-Bücher mitsamt ihrer Verfilmungen. Dazu sind mit “True Blood” und “The Vampire Diaries” zwei TV-Serien sehr erfolgreich, die beide auf Buchreihen basieren, die Anfang der Neunziger Jahre erschienen sind.

Die Popularität des Vampirs als mythische Gestalt war immer hoch, nicht zuletzt dank seiner enormen Symbolkraft. Der Vampir ist der Außenseiter, stand er früher für eine Gefahr, die es zu bekämpfen galt, entwickelte er sich zu einer Identifikationsfigur vor allem für ein jüngeres Publikum, das sich in seiner Einsamkeit und Andersartigkeit wiedererkennt.

In “Nosferatu” war der Vampir noch ein Sinnbild für die Pest, später für HIV/AIDS. Oft war er der Eindringling, der, trotz zahlenmäßigen Untergewichts, aufgrund seiner körperlichen Überlegenheit den Menschen das Blut aussaugen und sie so ihrer Lebensgrundlage berauben konnte, ähnlich den Eroberern im Kolonialismus oder auch den sogenannten “Eliten” der Gegenwart. Kraft ist Macht und die physische Stärke der Vampire kann leicht mit wirtschaftlicher Dominanz übersetzt werden. In “True Blood” blasen die Vampire, angeführt von einer Gruppe religiöser Fanatiker, zum Angriff auf die Sterblichen, um die Weltherrschaft zu erlangen.

Religiöse und moralische Motive spielten häufig eine Rolle in Vampirbüchern und -filmen, der unwiderstehliche Verführer ist ein Angriff auf Abstinenz und Keuschheit. Eine Warnung an all die holden Jungfrauen (und Jungmänner), sich nicht dem Verlangen hinzugeben, um nicht als Blutbeutel zu enden.

Zweifel an Religion und Kirche versinnbildlichte die Angst des Vampirs vor Kruzifixen und Weihwasser, die in modernen Vampirgeschichten allerdings kaum noch eine Rolle spielt. Nur noch selten wird erwähnt, dass der Tod für den Vampir das direkte Ticket in die Hölle bedeutet, ohne Aussicht auf Erlösung. Vampire sind tatsächlich nicht unsterblich, auch wenn sie keines natürlichen Todes sterben können. “Nosferatu” führte den Tod durch Sonnenlicht ein und machte den Vampir so endgültig zu einem Geschöpf der Nacht, der Klassiker ist aber nach wie vor der Pfahl im Herzen, mit dem der Vampir zu Staub zerfällt oder, wie in “True Blood”, in einer schleimigen Pfütze aus Blut und Gewebe endet. Der Tod durch Altersschwäche bleibt ihnen allerdings erspart, der Vampir bleibt immer jung und straff ohne Schönheitsmittelchen oder gar Operationen. Ein beneidenswertes Attribut in einer vom Jugendwahn besessenen Gesellschaft, der Vampir als Symbol für die menschliche Angst vor dem Altern und dem Tod.

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Für immer jung?

Ob ewige Jugend wirklich so erstrebenswert ist, wurde allerdings mit dem Vampirkind Claudia in “Interview mit einem Vampir” in Frage gestellt, bei der die körperliche Entwicklung mit der geistigen Reife nicht Schritt halten konnte. Zudem machte Louis in seinem Interview deutlich, dass ewiges Leben nach Jahrhunderten auf der Erde deutlich an Attraktivität verliert. Der Körper bleibt jung, der Geist nicht, irgendwann hat man alles gesehen, Menschen sind gekommen und gegangen, alles ist vergänglich, nur der Vampir nicht, auch wenn er des Daseins müde geworden ist. Die Serie “The Vampire Diaries” thematisierte ebenfalls, wenn auch nur am Rande, dass der Vampir aus dem natürlichen Lebenskreislauf ausgeschlossen ist, zu dem der Alterungsprozess nun mal gehört.

Beim direkten Vergleich zwischen Nosferatu und Edward Cullen ist die Entwicklung des Vampirs vom Monster zum Schoßhund nicht zu übersehen. Ein Pendel schlägt aber auch wieder zur anderen Seite aus, gut möglich, dass Vampire in Film und Literatur bald wieder zum Fürchten sind.